saluti dal sud - Grüße aus dem Süden
23. August 2008Ich bin im Urlaub.
Seit vielen Jahren verbringen wir Großteil davon bei der Familie von meinem Mann in einem kleinen Dorf in Kalabrien. Es liegt auf 500 m Höhe zwischen Reggio Calabria und Villa San Giovanni, ca. 15 km vom Meer entfernt. Wenn man 15 km weiter fährt ist man im Gebirge, auf 1.500 m.
Die Landschaft ist wunderschön und wenn hier die Mentalität der Toscani herrschen würde, dann hätte sich diese Region sicher schon in eine der reichsten Italiens verwandelt. Statt dessen herrschen di Calabresi, herrscht Ignoranz und Fatalismus, abbandono und ‘ndrangheta.
Che peccato! Wirklich Schade!
Trotzalledem gibt es immer noch auch wunderbare Seiten: Feigen und Kaktusfeigen zum Frühstück! den Blick vom Olivenhain über die Meerenge von Messina nach Sizilien, wo man in den letzten Tagen den Ätna rauchen sehen konnte; die Ausflüge ans Meer, das hier in der Nähe direkt an der Meerenge kristallklar aber ziemlich kalt ist; etwas weiter in Bova sehr viel wärmer und für Schnorchler ein Paradies; Scilla, wunderschöner Ort am Meer. Und dann natürlich auch l’affetto di questa famiglia – die Zuneigung dieser Familie, die mich vor 20 Jahren mit offenen Armen aufgenommen hat.
Das Leben in dieser kalabresischen Familie kann manchmal allerdings auch etwas anstrengend sein: da laufen Dynamiken, die einem Nordlicht die Haare zu Berge stehen lassen! Mangia figghiu, mangia! Es fehlt nicht viel und der 50 jährige, recht runde Sohn wird von Mama gefüttert.
Um Ferragosto, den 15. August, laufen in vielen Dörfern Sagre und Feste von Schutzheiligen und Madonnen, häufig mit Beköstigungen kombiniert.
Für eine dieser Sagre bei uns im Dorf habe ich zusammen mit Mann und Schwägerin 70 Auberginen, zusammen mit 45 Eiern, 4 kg Paniermehl und 8 l Olivenöl in 500 leckere, panierte und frittierte Scheiben verwandelt. Wir brauchten einen ganzen Tag!
An einem anderen Abend spielte ein Gruppe traditionelle Folklore aus Sizilien, sehr schön, mit griechischen Einflüssen. In einem anderen Dorf sahen wir das Konzert der Akkura, eine Etno?-Rock?-Ska?-Band aus Palermo. Nicht so ganz einfach einzuordnen, war aber klasse.
An Ferragosto organisierten wir mit den Nachbarn einen Grillabend direkt vorm Haus in der Piazza.
Tja, und da hat’s uns dann erwischt! Mama und Schwägerin sind sich einig: fattura, malocchio, invidia, ci hanno ducchiato, siamo secchi!. Der böse Blick! Ja, den gibt es hier noch. Und Mama kennt auch die Mittel dagegen: Gemurmel von Formeln und Kreuzchen in der Luft und auf meinem Arm. Leider haben wir es zu spät gemerkt. Dem einen Nachbarn ist das Auto kaputt gegangen und unserem Cugin’Antoni ist die Schwester gestorben. Sie war zwar schon 86, hatte aber bis zum Vortag keine Anzeichen von Krankheit o.ä. gezeigt. Und uns ist einer von hinen auf unser Auto geknallt. Totalschaden und Schleudertrauma. Soll das alles Zufall sein? Da hat doch der Teufel seine Finger im Spiel!!!
Das Krankenhaus in Reggio Calabria ist einer der Orte, den ich niemandem empfehlen würde, wenn er dort nicht irgendwelche guten Beziehungen hat. In der Aufnahme das absolute Chaos. Der Gang voll mit Rollstühlen und Betten, verzweifelte Menschen, die darauf warten, dass ihre kranken Angehörigen untersucht werden, die dort seit Stunden warten und oft nicht mehr die Kraft haben zu protestieren, zu fragen, zu bitten. Nach einer, mir unendlich lang erscheinenden Zeit, kommt der Cousin von meinem Mann, der als Krankenpfleger dort arbeitet und bringt mir etwas Wasser. Danach scheint sich die Schlange vor mir langsam aufzulösen und ich komme ins Untersuchungszimmer. Der Arzt schreibselt noch vor sich hin, entdeckt dann eine Fliege an der Wand und ordert dem Krankenpfleger sich um die Beseitigung zu kümmern. Womit er sie den erschlagen solle? „Nimm doch Deinen Latschen“. Gesagt – getan! Die Fliege findet ihr Ende. Kurze Untersuchung, wo tuts weh, achso, ja, da müssen wir erstmal Röntgen. Der Cousin begleitet mich zur Rötgenabteilung und lässt auch gleich noch eine Computer-Tomographie machen. Wenn man Beziehungen hat, geht alles.
Zurück zur Aufnahme. Die Wache, die den Gang patroulliert und ab und zu die Angehörigen nach draussen scheucht, weil die hier eigentlich nichts zu suchen haben, ist plötzlich aufgeregt: Alle Nicht-Kranken sofort raus, Codice Rosso, sta arrivando un Codice Rosso!. Mio Dio, was kommt jetzt? Ein Häftling mit ziemlichen Verbennungen wird auf einem Rollstuhl hereingefahen, begleitet von vier Polizisten, davon zwei mit Maschinenpistole im Anschlag. Schluck! Und wenn der jetzt versucht, ausgerechnet hier zu flüchten? Schießen die dann???? Er kommt sofort ins Untersuchungszimmer. Nach einer Weile werde ich auch gerufen: Wie? Ist der Häftlichg durch die Hintertür raus? Neee, der liegt da immer noch drin und ich werde auf das Nebenbett gebeten. Nur eine mobile Trennwand zwischen uns.
Schleudertrauma teilt mir der Arzt mit. „Sie sollten sich in den nächsten 14 Tagen ausruhen und eine Halsmanschette tragen“. Das ist alles, ich werde entlassen. 4 Stunden sind vergangen.
Jetzt haben wir nur noch den Stress mit der Versicherung. Hier ist alles immer ein wenig (oder besser: sehr viel) komplizierter.
Ein Glük, dass zwei Wochen Deutschland auf mich warten. Frische norddeutsche Luft, ein wenig Ruhe und Ordnung und etwas geregeltere Zustände können ab und zu ganz gut tun.



Schlangen gibt es in Rom viele und immer wieder neue. Als Bewohner und Besucher dieser Stadt nimmt man sie am besten gelassen hin, ansonsten kommt man aus dem Ärgern nicht mehr heraus.

Seit dem 19. Juni bis 14. September ist im 